Kunst Werte Gesellschaft
Vortrag Stephan Dillemuth
 

Samstag 17. Mai 2008 | 17-18 Uhr: Zur Zukunft öffentlich geförderter Kunst


Vorbemerkung zur vorliegenden Dokumentation:
Aufgrund seines dichten Terminplans in Kunst, Lehre und Forschung bat mich Prof. Stephan Dillemuth (ein entfernter Verwandter von mir) um eine sinngemäße Übertragung seiner Unterlagen. Dem möchte ich hier gerne entsprechen. Doch machte die Diskrepanz zwischen der Tonaufzeichnung und den schriftlichen Skizzen einen objektiven Bericht schwieriger als ursprünglich angenommen und ist ursächlich für eine teils subjektive Wiedergabe.
gez. Amadeus Dillemuth



INTRO

Zunächst stellt Holger Kube Ventura den nächsten Sprecher vor, da dieser Tag den Institutionen gewidmet sei käme nun ein Insert: Stephan Dillemuth würde eher aus der Perspektive des Künstlers sprechen ...und für die Künstler. Zudem wäre Dillemuth für einen Begriff bekannt geworden, 'Corporate Rokoko', und das könne anschlussfähig zum gestrigen Vortrag von Frau Bonnet werden. Schließlich sei das nun Kommende ein performativer Vortrag, das hiesse, Fragen würden am Ende nicht beantwortet werden. Aber nun...


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TEIL I

Stephan Dillemuth tritt auf und bedankt sich für die Einladung und das Intro. Er möchte zuerst den Film zeigen den er 2007 zusammen mit Nils Norman gemacht hat, der hiesse I'm Short Your House. Dann käme der angekündigte performative Vortrag und jeder Zuhörer bekäme schließlich noch ein Geschenk.

Zum Film führt er aus, dass dieser in Englisch und in einer Finanzfachsprache gehalten sei, denn viele Textzitate im Film wären der Financial Times entnommen worden. Zudem sei der Text auch geflüstert und all das mache das Zuhören und Verstehen schwer. Doch Trost, denn der Film sei auch im Internet frei verfügbar (hier zum Download) und zum Nachlesen sei der Text später am Info-Desk erhältlich (hier direkt ein Link zur Textdatei)

Inhaltlich ginge es im Film um die Subprime Krise des letzten Jahres (2007) und die Verflechtungen anderer Kapitalmärkte damit. Die Frage wäre, inwieweit der Kunstmarkt z.B. durch Hedgefonds und andere Finanzmaneuver in das Debakel miteinbezogen und vom Absturz bedroht sei.

Aber darüber möchte er später mehr erzählen, erst einmal wünscht Dillemuth viel Spaß beim Film:





Der Film wird gezeigt, ganz interessant, 20 min vergehen im Fluge....

TEIL II

... danach tritt Dillemuth wieder auf die Bühne. Per Handzeichen führt er eine Umfrage durch, es melden sich verschiedene Segmente des Publikums.
Knapp geschätzt sitzen etwa 10% Künstlerinnen und Künstler im Saal, nur ca. 7% Kuratoren. Kunstgeschichtler, Kritiker,  Professoren und andere Funktionäre sind in ausreichendem Maße vorhanden, Studentinnen und Studenten könnten etwas mehr da sein (wie immer!). Nur 3 (drei) Zuschauer melden sich die nicht aus dem künstlerischen Feld stammen.

Im Anschluss an die Umfrage erläutert S D. die Schwierigkeit als Künstler auf die Bühne zu treten, ohne dass dies notwendigerweise als Performance missverstanden werde. Dillemuth möchte betonen, dass sein Auftritt heute keine Performance sei, dass er lediglich einen ganz normalen Vortrag halten werde. Allerdings bitte er das Publikum um Mithilfe,  ausnahmsweise einmal den performativen Teil zu übernehmen... das wäre auch ganz leicht, denn es ginge lediglich darum das zu tun was das Publikum ohnehin bereits tue: still sitzen und zuhören oder ggf. abschalten... Hauptsache es stelle sich die Vorstellung ein dass man Teil einer Performance sei.

Es scheint als würde sich das Publikum darauf einrichten. Dillemuth erzählt von einer ähnlichen Situation, in welcher er durch den gleichen Trick, die Performance umzudrehen, einen erstaunlichen Machtzuwachs auf der Bühne erfahren habe. Das würde ihm erlauben auch jetzt, wenn er wolle, härter aufzutreten, denn die Zuschauer würden nicht aus ihrer gewohnten Rolle des stillen Konsumierens ausbrechen, im Gegenteil, sie würden die Gegebenheiten nun erst recht als ein vorgegebenes Script akzeptieren und nicht hinterfragen, warum da eine Bühne vor ihnen stehe, wer die da hin gesetzt habe, wer das Recht habe auf dieser Bühne zu sprechen, was da eigentlich gesprochen werde und warum. Man könne sich durch diesen rhetorischenTrick also noch mehr Freiheiten herausnehmen. Und das könne bis zur Publikumsbeschimpfung oder zu tätlichen Angriffen gehen, man könne sich aber auch Schwächen und Peinlichkeiten erlauben, die Hosen herunter lassen und letztendlich alles als Trick entlarven - egal - die Rolle auf der Bühne wäre eigentlich noch sicherer, noch glaubwürdiger... das performende Publikum käme aus seiner alltäglichen Rolle des Konsumenten einfach nicht heraus!

Nun stellt Prof. Dillemuth die Hauptthese seines Vortrags vor: Er sei der Meinung, dass sich gerade in einer Zeit des schwächelnden Marktes, eine neue Rhetorik heraus bilde. Denn neben der Umdrehung der Performance-Rhetorik (die keiner hinterfragen würde) entstünde auf Seiten der Bühne zudem die Rhetorik einer neuen Ehrlichkeit oder Ernsthaftigkeit. Und die am Horizont auftauchende Lebensmittel- und Energiekrise würde das noch zusätzlich forcieren...

Die Zeit des hochmütigen Markts sei vorbei und um seine Schwäche zu kompensieren würde der Markt nun bescheidener auftreten. Nach den Zeiten des Booms sei man bereit für mehr Selbstkritik, man überdenke die Rolle der non-profit  Organisationen und der artist run spaces, denn um den schwächelnden Markt zu stabilisieren ginge es darum, ein neues Vertrauen zu erzeugen und darum, neue Ressourcen zu erschließen. Man würde sich jetzt dorthin wenden wo Authentizität nachwächst, an der künstlerischen Basis, an den Akademien und an selbstorganisierten Orten. In Wahrheit aber stünde der Markt nackt auf der Bühne, genau wie in Andersens Märchen, und Marie Antoinette baut sich 'nen Bauernhof...

TEIL III

Mit der Themenstellung dieser Tagung Kunst Werte Gesellschaft ..."zur aktuellen Bedeutung von non-profit Institutionen als Scharnier zwischen Öffentlichkeit und Kunstmarkt und vor allem mit ihrer Funktion für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse über den Wert von Kunst" müsse sich diese Tagung auch selbst zum Objekt seiner Analyse machen. Aber nun würde erst einmal eine kommentierte Diashow einiger Beispiele folgen.

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Zeitgleich zu dieser Tagung in Berlin, also just im Moment dieser Rede, würde eine Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing stattfinden. Titel und Thema wäre 'Kunst nach Geld - Wie kommerzfähig ist die Kunst, wie kunstfähig ist der Kommerz?'. Das würde so klingen als ginge es auch dort um einen Moment des Innehaltens und ein Versuch der Kritik, bzw Selbstkritik, des Kunstsystems. Auffällig wäre auch die ähnliche Besetzung der Tagung. Man habe die Direktoren der beiden angesagtesten Kunstakademien Frankfurt und Wien, Daniel Birnbaum (in Tutzing) und Stephan Schmidt-Wulffen (in Berlin) - man habe ebenfalls die beiden angesagtesten Kunstsammler des deutschsprachigen Raums: Schürmann (in Tutzing) mit dem Herrn Falckenberg (in Berlin).



Letzteren könne man später hier  befragen was es mit den Gerüchten auf sich hat, die besagen,  er habe den Merve Verlag aufgekauft. Gäbe es da vielleicht auf beiden Seiten Marktprobleme? fragt Dillemuth. Zumindest meint er es wäre naheliegend wenn der Starsammler der sich durch Großeinkäufe  eines 'infantilen Vitalismus' einen Namen gemacht hat mit der gesammelten Intelligenz eines Merve Verlags seine Testosteron lastige Sammlung stabilisieren würde.

Ein weiteres Beispiel aus Hamburg sei das Projekt 'Subvision', das in Hamburg, in der Hafen City einhundert 'Off Spaces' aus aller Welt zusammenführen will. Dort sollen sie in Containern ihre Projekte vorstellen. Dies geschehe auf Betreiben der  'Hafen City Hamburg GmbH' und werde auch mit Mitteln der Bundeskulturstiftung  gefördert. Im Internet gäbe es Proteste dagegen, z.B. hier.. hier.. und hier.. aber auch hier...


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Weiter führt uns D. zur Galerienszene in New York. Dort hätten sich die Galerien in den letzten Jahren ihr eigenes Ghetto  geschaffen und der Fokus wechsle nun von der festgefahrenen, konsolidierten Szene in Chelsea zur Szene in der Lower East Side , wo die Gentrifizierungsprozesse bisher  weniger stark ausgeprägt gewesen seien als in anderen Stadtteilen. Vor ein paar Jahren hätte es dort Initiativen gegeben die sich gegen die Akkumulation der Marktinteressen von Chelsea abgrenzen wollten (z.B. Reena Spaulings, Michelle Maccerone oder Orchard). Aber mittlerweile habe das authentisch erscheinende Stadtviertel so viel Begehren auf sich gezogen dass Modeläden dort Dependancen  gründeten und sich edle Restaurants in feuchten Kellern einnisten. So schreibt Marcia Pally in einer ihrer Kolumnen.

Die Galerie James Fuentes hätte vor Kurzem eine 'Lower East Side Map' herausgegeben auf der historisch wichtige Orte verzeichnet wären zusammen mit einer Auswahl zeitgenössischer 'spaces'. Die Kartierung betreibe demnach eine Verbindung neuer Trends zu den alten Geistern der Subkultur und Avantgarde, zudem bedeute das auch eine Art Deutungshoheit des Territoriums in historischer wie zeitgenössischer Zeitachse.

Nicht unerheblich daran beteiligt den Fokus auf die Lower East Side gelenkt zu haben sei der Neubau des New Museum an der Bowery gewesen. Auch diese Straße sei geschichtsträchtig, eher berüchtigt denn berühmt gewesen, in nächster Nähe  Ecke sei der legendäre Punk Club CBGBs gewesen.


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Die Architektur des New Museum von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa stehe im Kontext zu ähnlich experimentell gefälligen Bau in der Nähe,  Lower East Side's first luxury doorman condo' von Bernard Tschumi die sich beim Annoncieren ihrer Luxus Eigentumswohnungen auf die vielfältige, ethnisch diverse und subkulturell geprägte Geschichte der Lower East Side berufen.

In einem weiteren, noch in Planung befindlichen Bau würden 'Residential Galeries' in solchen Condos angeboten werden. Man spekuliere da auf wohlhabende Kunstliebhaber die ihre Privatsammlungen gerne einmal im Kontext einer so reichen kulturellen Geschichte wie die der Lower East Side präsentieren wollen.

Mittlerweile wäre sogar die „verschnarchteste aller deutschen Schnarchinstitutionen“ - das Goethe Institut – der Projektionslinie auf die Lower East Side gefolgt und habe dort einen 'Offspace' angemietet, den man – bar jeder Idee - dem Kunstverein München zur Bespielung für ein Jahr überlasse.

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Eine weitere bemerkenswerte Neuerung in der Lower East Side sei die 'Rental Gallery' – eine Galerie die andere Galerien ausstellt und diesen damit die Möglichkeit gibt einmal in dieses 'neue' Viertel hinein zu schmecken oder ihr Logo dort einmal anzubringen.

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Am Beispiel dieser Aussendung der neuen 'Flash Art' werde noch einmal deutlich wie eine scheinbare Kritik oder Reflexion des Begehrens dies nur noch entfache. "Das Hypen durch die Kritik des Hypes" ließe sich aber auch anhand einer Ausstellung in Deutschland beobachten – wieder einmal ginge es um das beliebte Thema "das Deutsche and der deutschen Kunst" zu bebildern, die Ausstellung hieße : 'Vertrautes Terrain – Aktuelle Kunst in/über Deutschland'. Dabei handele es sich um eine kritisch gemeinte Betrachtung des Hype um den Standort Deutschland, die, so meint Dillemuth, aber im Endeffekt nur positive Auswirkungen auf dieses Phänomen habe. Besonders seltsam sei dabei, dass es bei dieser Ausstellung eine Zusammenarbeit mit Sammlern gebe, die ihren Teil zur Ausstellung als 'Collectors Choice' beitrügen.

TEIL IV

Auch in anderen Kunstzeitschriften würde man sich in selbstreflexiver Marktbeobachtung gefallen, das zeige noch einmal die grassierende Angst, dass sich der Credit Crunch zum Kunstmarkt Crunch ausweiten könne. Zum Beispiel würde auch die Sammlung der Generali Foundation, die gemeinhin als mustergültig gegolten habe, wegen Finanzschwierigkeiten des Konzerns aufgelöst werden. Auch bei Siemens würde sich ein Richtungswandel andeuten. In den vergangenen Jahren hätte sich dieser Konzern zum Schutzpatron der Kunstakademie aufgeschwungen und drei Ausstellungen zur aktuellen Ortsbestimmung der Kunstausbildung initiiert. Nun allerdings würde man sich selbst organisierten Bereichen zuwenden, und die Finger nach dem 'Non-Aligned Research' ausstrecken – das wäre eine  Forschung die außerhalb der Institution, im bohemistischen oder selbst organisierten Bereich stattfindet. Dieses Beispiel würde nicht nur die Konjunktur des Begriff Selbstorganisation als ein begehrenswert authentisches Konstrukt relativer Autonomie belegen, sondern auch noch einmal klar werden lassen wie sich die Strategien der Konzerne in den letzten Jahren verändert hätten:

'Sponsorship' habe in den 80er Jahren noch eine relativ passive  Mäzenaten Rolle angenommen. Allerdings sei die Gefahr schon damals vor Augen getreten, dass der Staat die Verantwortung für die Institutionen immer mehr abgebe und damit dem Sponsor neue Einflussgebiete bescheren würde. So wären die Institutionen immer mehr den wirtschaftlichen Interessen der Sponsoren unterworfen gewesen.

Mitte der 1990er Jahre hätten die Firmen langsam ihre passive Rolle verlassen, beim 'Branding' würde es nicht mehr darum gehen sich einen Namen zu machen indem man die Avantgarde unterstützt, sondern es ginge darum, selbst zur Avantgarde zu werden. Die Konzerne hätten demzufolge wie Künstler agiert die qua künstlerischer Setzung und Signatur Werte (aus dem Nichts) erschaffen würden. Dabei würden die gängigen Künstlerbilder und die emanzipatorischen Strategien hipper Subkulturen oft unfreiwillig die Prototypen für corporates Image-making abgeben.

Die neuste Entwicklung sei die 'Corporate Social Responsibility' bei der sich die Wirtschaftskräfte immer mehr in sozialen Bereichen engagieren würden, öffentliche Verantwortung übernehmen würden und sich als Garanten im Bereich gesellschaftlicher Grundversorgung aufspielen würden. McDonalds würde ein Kinderkrankenhaus unterhalten, Shell mache den Umweltfreund, die Berliner Universitätsbibliothek werde in Volkswagen Universitätsbibliothek umbenannt und Siemens kümmere sich um die Zukunft der Kunstakademien...

Die Firmen könnten nun auch bei den Universitäten immer stärkeren Einfluss gewinnen und das würde speziell durch den Bologna Prozess befördert, da demokratische Strukturen innerhalb der Universität abgebaut würden und stattdessen gäbe es nun einen Hochschulrat der zu 50% aus externen Mitgliedern bestünde (hier zB TU München). Durch die Einführung der Studiengebühren würde die Universität tendenziell privatisiert und ein Dienstleistungsverhältnis zwischen Universität und zahlendem Student hergestellt. Der müsse sich nun in diese Firma einkaufen, denn die Universität würde immer mehr selbst zu einem Unternehmen, das Branding betreibe und weltweit Franchise Unternehmen etabliere. Damit sei es nun auch im Bereich von Lehre und Forschung gelungen, eine neue Art des Denkens einzuführen und Verwertungslogik und Profitmaximierung über die Lehr-- und Forschungsinhalte zu stellen.

Das selbe wäre in den letzten Jahren auch in anderen Bereichen geschehen, denn über die Rechtssysteme demokratisch gewählter Staaten hinweg hätten es die supranationalen Konzerne mithilfe von Abkommen und Organisationen (WTO, GATT und letzthin GATS) erreicht, dass sie alle Märkte und öffentliche Dienste besetzen können. Die corporate Übernahme staatlicher Funktionen sei nicht mehr nur Image Gewinn für die Corporations, denn die transnationalen Konzerne seien bereits konstituierendes Element unserer Gesellschaften geworden. Und da ihnen die Rezepte, Patente und Copyrights ohnehin schon gehörten sei die Übernahme des Reproduktionsapparates der letzte wichtige Baustein zur Totalität einer neo-liberalen Weltordnung, denn ab jetzt könne dieses neue Prinzip fraglos stabilisiert und weiterhin reproduziert werden.

TEIL V

Nun kommt S.D. auf das Buch Corporate Rokoko seines Freundes Werner von Delmont zu sprechen. In diesem Buch sei die These vertreten, dass wir uns momentan in einer Übergangsphase  befinden, weg von einer tendenziell selbst organisierten, demokratischen Öffentlichkeit hin zu einem ‚Corporate Rokoko’. Denn die Nationalstaaten seien dabei sich aufzulösen und die Öffentlichkeit sei zunehmend fragmentiert. Diese fragmentierten Öffentlichkeiten würden aber nur noch als Märkten gedacht, die es zu schaffen oder zu erschließen gälte, und alles, auch jede Subkultur, sei dem ausgeliefert. Ideologien gebe es keine mehr,- so würde es heissen - ausser einer, der freien Demokratie in der wir leben würden, mit freien Märkten auf denen jeder Tüchtige eine Chance habe. Im Grunde sei dies, so glaubt Dillemuth, aber eine Art neuer Absolutismus in dem nicht mehr der Körper des Königs von Gottes Gnaden sondern eine virtuelle Figur, die der Münze den absoluten Fluchtpunkt bilde. Wer diesem System nicht lebensfähig ist der werde ausgespuckt, der könne sich ja selber helfen.


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Zur Bekräftigung seiner These zieht Prof. D. die drohende Welthungerkrise und die steigenden Erdölpreise heran, denn diese medial aufgehypten Szenarien würden zu einem weiteren Aspekt der neuen Ehrlichkeit führen wie sie im Buch  ‚Bigg’s Tips for Rich’ von Barton Biggs [Adviser der Morgan Stanley Investment Bank] sichtbar werde. Das Buch stelle eine Art Ratgeber für Reiche dar, es erkläre, wie man sich auf mögliche kommende Krisen vorbereiten solle. In einem Artikel von http://www.bloomberg.com, der als Dia gezeigt wird, heißt es:  ‚Insure yourself against war and disaster by buying a remote farm or ranch and stocking it with seed, fertilizer, canned food, wine, medicine, clothes, etc.’ The ‚etc.’ must mean guns.’


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Etwas hastig, weil in Zeitnot geraten, beginnt Dillemuth nun aus seinem Manuskript zu lesen (es scheint so eine Art Manifest zu sein). Ich zitiere wörtlich aus den vorhandenen Unterlagen:

„Es geht nicht darum einzelne Sammler, Galeristen oder Institutionen zu kritisieren (doch auch),  sondern darum, wie sie sich alle einfügen einen Gier- und Ausbeutungszusammenhang und wie sie alle gemeinsam der Legitimierung einer globalen kapitlistischen und neoliberalen Wirtschaftsordnung zuarbeiten. Denn diese Ökonomie ist der Spiegel ihrer Eitelkeiten, dort im Wettbewerb schult sich ihr Geschmack, dort zeigt sich der Erfolg und Misserfolg ihrer Sammlungen.

Institutionen, Sammler und ihr Markt haben es in den letzten 20 Jahren geschafft jede Dissidenz, jede Kritik an ihrerem Einfluss auszugrenzen und ruhig zustellen.
Angefangen vom kunstinteressierten Gymnasiasten, den Studierenden der Akademien, den jungen und nicht mehr jungen Künstlern, den Galeristen, Kuratoren, Kritikern, Sammlern, Institutsleitern, Investoren, Spekulanten... wir sehen eine einzige affirmative Kette, ein Zuarbeiten auf das, was allgemein als Erfolg angesehen wird: die Teilnahme an einem globalen Glamour- und Geldkarussel, ein gegenseitiges und einvernehmliches Image Making und Branding das auf die Anhäufung fiktiven Kapitals hinarbeitet.

Unausgesprochen werden dadurch alle auf diesem Weg liegenden und daraus resultierenden Ausbeutungsprozesse legitimiert. Das sind nicht nur die  Ausbeutungsprozesse innerhalb des erwähnten Reigens, sondern der Reigen arbeitet der Glorifizierung eines Prinzips zu, um wissentlich oder nicht, dessen ausbeuterischen Verkettungen weltweit zu übertünchen.

Verwundert fragt man sich vor diesem Hintergrund warum im kulturellen Feld es keinen aktiven Widerspruch dagegen gibt. Und im Gegenteil - das 68er Bashing wurde ein beliebtes Spiel in den Feuilletons, der Vormarsch von Malerstars und  Egoperformern, und in der Literatur der Büchnerpreis für den unsäglichen Mosebach - die vergangenen zehn Jahre waren geprägt von einer Mobilmachung einer neuen konservativen Rechten.
Überdies leben wir aus Furcht vor den zunehmenden sozialen Konflikten in einem Sicherheits- und Überwachungsstaat und internalisieren diesen Kontrollwahnsinn, befinden uns konstant in gegenseitigen Überwachungsverhältnissen.

Wie verhält sich nun der Künstler im Corporate Rokoko? Bleibt ihm nichts anderes übrig als zum devoten Höfling zu mutieren, zum feingeistigen Opportunisten, der zur Ausstattung der corporaten Repräsentationsgier und Ausbeutungeverhältnisse beiträgt, ist er derjenige der mit geschickten Strategien immer neue, verführerische Waren produziert?

Wie könnte es gelingen die veränderte Rolle der Kunst und der Künstler in den geänderten Umständen zu reflektieren um ihre Rollen kritisch umzuschreiben? Wie würde sich eine für eine gesellschaftsverändernde Neuverortung von Kunst notwendige kritische Öffentlichkeit konstituieren?

Eine Antwort hierauf will ich mit den beiden Begriffen Forschung und Selbstorganisation versuchen:

Forschung wäre zu verstehen  als Untersuchung der vielen Unwägbarkeiten und Probleme mit denen wir künstlerisch wie gesellschaftlich zu tun haben. Aber diese Forschung könnte nur dann an die Wurzel gehen, wenn sie frei, d.h. ohne Kontrolle stattfinden kann. Auf Universitäten und andere Institutionen ist aber, wie wir gesehen haben, diesbezüglich kein Verlass. Eine kritische Forschung wird also nur dort radikal werden können wo sie sich selbst organisiert, wo sie im eigenen Auftrag stattfindet, wo sie „Non-aligned“ ist (... und das weiß auch Siemens).
 

Selbst-organisation ist aber nicht Selbst-hilfe, denn Selbsthilfe ist ein durch den Kapitalismus zugewiesener letzter Ort für die Ausgeschlossenen. Schon im neunzehnten Jahrhundert hat sich der Arbeiterführer Lassalle gegen Selbsthilfe ausgesprochen. Er plädierte stattdessen für Selbstbildung, denn gegenüber einem gebildeten Arbeiter würden sich die Kapitalisten  nicht trauen  Hungerlöhne zu bezahlen.

Selbstorganisation ist kein Karrieremodell, keine Ich-AG, kein 'self-enrepreneurship'. Es geht nicht darum mittels Selbstorganisation am herrschenden System, Kapitalismus, teilzunehmen.

Denn in der Selbstorganisation geht es darum, das herrschende System auszuhebeln. Es geht um eine grundlegende Infragestellung der herrschenden Ideologie und ihrer Ökonomie. Und in unserem Falle ist die Ökonomie die Ideologie.

Um also einen Hebel anzusetzen ist die Vorstellung und Konstruktion eines AUSSEN wichtig.

Und diejenigen, die behaupten, es gäbe kein außerhalb der herrschenden kapitalistischen (Un-)Ordnung, die treiben die allgemeine Hofflungslosigkeit nur noch weiter. Das ist in meinen Augen momentan das konservativste Argument, eine Art Desillusionierungspolitik, betrieben durch diejenigen die sich der Gewinnerseite zurechnen.

Und selbst wenn es (objektiv?) kein Außen gäbe wäre doch die Setzung – und wir müssen uns auch als Künstler begreifen – die Konstruktion eines Außen, eine neue wichtige Aufgabe. Dieses Außen ist aber in meinen Augen kein ein tatsächlicher Ort "dort draussen" und keine weitere Utopie, kein Religionsersatz, dieses Aussen setzt hier an, und es ist eine Bewegung nach Draussen und diese Bewegung nimmt ihren Ursprung in der Selbstorganisation und Forschung. 

Und dieses Aussen, die Bewegung einer radikalen Politik hin zu einer grundlegenden Gesellschaftsveränderung, setzt überall an: Opensource, Nahrung, Kleidung... jeder Schritt, jede Entscheidung kann seinen Teil zu dieser Bewegung beitragen.  Jeder Stein der auf der Straße ist eine Möglichkeit ein Aussen zu konstruieren.

Deswegen meine Kritik des neue Ehrlichkeitsdiskurses, denn der findet lediglich innerhalb einer völlig abgesicherten Konstruktion von Markt, Macht und Gesellschaft statt. Er will die strukturellen Bedingungen und Beschränkungen in dem er sich bewegt gar nicht in Frage stellen oder verändern, er ist ein Trick, eine neue Rhetorik, Werte erhaltend, rückwärts gewendet, konservativ.“


Ende der Rede, Applaus.

SD tritt an den Rand der Bühne und wirft Flugblätter ins Publikum, an verschiedenen Stellen im Saal und vor den Türen verteilen junge Menschen  dieses Flugblatt, (Dillemuth, Davies, Jakobsen - 2005)   Es gibt keine Alternative : Die Zukunft ist selbst organisiert


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